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Wettbewerb
Im Gespräch mit Dr. Axel Stirl, Vorstandsvorsitzender PIN Mail AG
Wie ein privater Briefdienstleister auszog und um gleiche Voraussetzungen rang und Marktanteile gewann.
Seit April 2006 ist Dr. Axel Stirl (46) Vorstandsvorsitzender der PIN Mail AG und erlebte in dieser Zeit eine bereits wechselvolle Firmengeschichte. Über Jahrzehnte wurde der deutsche Briefmarkt von einem Monopolunternehmen beherrscht. Seit 1991 wurde der deutsche Postmarkt schrittweise privatisiert und im Jahr 2007 wurde am Ende dieser Entwicklung das Briefmonopol der Deutschen Post AG aufgehoben.
Susan Friedrich: Herr Dr. Stirl, wie wurde Ihr Interesse für die PIN Mail AG geweckt? Ihre Laufbahn begann bei der Deutschen Post World Net. Was hat Sie motiviert, bei einem privaten Briefdienstleister wie der PIN Mail AG zu diesem Zeitpunkt "anzuheuern"?
Dr. Axel Stirl: Nachdem ich vier Jahre bei der IVU Traffic Technologis AG - einen IT Software Haus in Berlin verbracht hatte, kam die Chance, Briefwissen mit IT zu verbinden und das in einem Schnellboot. Also, Schwimmweste an, rauf auf das Boot und rein in die gelben Wellen. Klein gegen Groß oder Passion gegen Tradition - es fühlte sich einfach spannend und damit passend an.
Susan Friedrich: Ohne Beteiligung der privaten Briefdienstleister wurde, unter politischem Druck seitens der Bundesregierung unter Kanzlerin Angela Merkel, ein sog. Postmindestlohn im Januar 2008 gesetzlich verankert. Erinnern Sie sich an jenen Moment, als Sie davon erfahren haben und was war Ihre erste Reaktion? Zu welchen Schlussfolgerungen sind Sie gelangt?
Dr. Axel Stirl: Ich erinnere mich genau: Mir wurde irgendwie kalt - so wie nach einem Unfall. Man schaut auf das tatsächliche, kann es noch nicht ganz fassen und fängt doch sofort an, sich mit den Folgen zu beschäftigen. Diese einseitige Machtdemonstration unter Mithilfe der Regierung hat mich von Deutschland entfernt. Ein Stück Heimat habe ich eingebüßt, weil ich immer an die Ausgewogenheit und Gerechtigkeit unseres Staates geglaubt habe.
Susan Friedrich: Wie beurteilen Sie die Tatsache, dass der Postmindestlohn im Jahr 2010 durch das Bundesverwaltungsgericht gekippt wurde?
Dr. Axel Stirl: Freude einerseits, denn wir hatten es wieder in der Hand unser Schicksal selbst zu bestimmen und haben damit Arbeitsplatzsicherheit gewonnen. Kopfschütteln andererseits, da unser Rechtsstaat den Schaden entstehen lassen hat und zwar völlig emotionslos. Noch heute suchen Betroffene nach einem neuen Arbeitsplatz.
Susan Friedrich: Mit der Einführung des Postmindestlohnes kamen die Sorgen und damit die Insolvenzen von Tochtergesellschaften sowie Entlassungen. Wie schnell kann ein Management auf diese äußeren Marktfaktoren reagieren?
Dr. Axel Stirl: Es zählt jeder Tag und "kann" ist ein muss. Dies ist allerdings Geschichte und da will ich es auch belassen. Dennoch: sollte ich mal mit einem kleinen Team Neues aufbauen, so wird sicher die Krisenerfahrung ein Auswahlkriterium für den ein oder anderen im Team.
Susan Friedrich: Ad-hoc erhalten Bankgespräche ein vollkommen anderes Gewicht; es wird neu justiert und Kreditrisiken werden neu bewertet. Welche Erfahrungen haben Sie während der Restrukturierungs- und Sanierungsphase und nach der Konsolidierung des Unternehmens mit dem Bankensektor gemacht? Wie haben die Kreditinstitute, auch angesichts drohender Forderungsausfälle, reagiert?
Dr. Axel Stirl: Der "Bankensektor" hatte in diesem Fall zwei Gesichter, während einer der finanzierenden Banken gnadenlos ihr Risikomanagement betrieben hat, ist die, uns seit Gründung begleitende Hausbank, DKB ganzheitlich rangegangen und hat der PIN Mail AG vollumfänglich den Rücken gestärkt. Sie wäre bis zu einem MBO mitgegangen. Das hat Kraft gegeben.
Susan Friedrich: Stichwort: Kommunikation. Welche Rolle spielt eine aktive Informationspolitik gegenüber Lieferanten, Kunden, Investoren und Banken nach Ihrer Einschätzung?
Dr. Axel Stirl: Offenheit und Transparenz ist das A und O. In dieser Situation werden Aussagen anders gefiltert als sonst, d. h. es wird unmittelbare und vollkommene Kommunikation verlangt. Mein Tipp: Besser man entspricht dieser Erwartung.
Susan Friedrich: Nach dem Verlust von 10.000 Arbeitsplätzen beschäftigt die PIN Mail AG heute ca. 1.000 Mitarbeiter/innen. Wie bereiten Sie die Mitarbeiter/innen auf gegenwärtige und zukünftige Herausforderungen vor?
Dr. Axel Stirl: Stolz auf das Geschaffene - Identifikation mit Marke UND Kunden. Es geht um die Positionierung der einzigen Hauptstadtpost - wir sind die Besten und deshalb gibt es uns - gerade hier in der IN-Stadt Berlin.
Susan Friedrich: Wie hoch ist der Marktanteil der PIN Mail AG heute? Vom Einwurf in den grünen Briefkasten bis zur Auslieferung an den Empfänger gilt auch bei PIN Mail AG E+1 ?
Dr. Axel Stirl: Den Marktanteil berechnen können nur DP AG und PIN zusammen. Irgendwie klappt das aber nicht, allerdings würde ich ihn bei 15 - 20 % in der Hauptstadt taxieren. E+1 in Berlin und in die neuen Bundesländer - das ist die Basis unseres Geschäftes.
Susan Friedrich: Welche Distributionskanäle benutzt die PIN Mail AG außerhalb der eigenen Strukturen? Böse Zungen behaupten, einige Briefsendungen der PIN Mail AG werden über die Briefbeförderungswege der Deutschen Post AG "verteilt".
Dr. Axel Stirl: So wirklich böse finde ich diese Zungen gar nicht und Recht haben Sie zumal. Für ca. 20 % der Haushalte der Republik benötigen wir die Dienste der DP AG. 80 % erreichen wir aber über das Netzwerk der alternativen Postdienste - nur eine E+2-3 Laufzeit muss in Kauf genommen werden.
Susan Friedrich: PIN Mail AG hat Zugang zu den Postfächern des Monopolisten durchgesetzt, welche weitere Hürden planen Sie zu nehmen?
Dr. Axel Stirl: Nach wie vor genießt die DP AG eine kostenfreie Infrastruktur auf öffentlichem Land (Nachladekästen für Zusteller). Hier sehen wir uns klar benachteiligt und fordern die Entgeltpflicht für DP AG bzw. besser noch: den Zweitschlüssel dazu gratis.
Susan Friedrich: Seit 2008 ist die Ampelmännchen-Briefmarke ein Synonym für die PIN Mail AG. Ihr Haus gestaltete Hertha BFC-Briefmarken und Postwertzeichen der Abrafaxe, um nur einige Motive zu benennen. Wie erfolgt die Motivauswahl und ist mit regelmäßigen Sondermarken zu rechnen?
Dr. Axel Stirl: Nach dem Relaunch der PIN unter dem neuen Eigentümer der Georg von Holtzbrinck Unternehmensgruppe und der Reduktion auf das lokale Geschäft haben wir uns zusammen mit der Ampelmann GmbH als Hauptstadtdienstleister neu positioniert. Die Positionierung war erfolgreich und Grün konnte positiv aufgeladen werden. Heute wollen wir diese klaren Marketingkonturen pflegen und denken nicht an Sondermarken. Dennoch: Der Kunde ist König.
Susan Friedrich: PIN. Schick es grün. Wofür steht die PIN Mail AG heute?
Dr. Axel Stirl: Freundlich, engagiert, flexibel und günstig. Ein Hauptstadtdienstleiser der viel mit den Attributen der Stadt gemeinsam hat. Wenn Sie an "arm aber sexy" denken, so liegen Sie nicht100 % daneben. Devotion, Passion und Qualität - unsere Siegersäulen.
Susan Friedrich: In 2009 ist die PIN Mail AG in die Gewinnzone eingetreten. Der elektronische Brief der PIN Mail AG wurde im Mai dieses Jahres eingeführt. Welche Erfahrungen konnten Ihre Nutzer bisher mit diesem Medium machen; welche Rolle wird der eBrief nach Ihrer Einschätzung in den nächsten zwei bis fünf Jahren spielen?
Dr. Axel Stirl: Der www.ebrief.de als Hybridbrief wird vom Markt überraschend gut angenommen die Kundenbasis wächst täglich. Der Nutzerakzeptanz im b2c Geschäft stehe ich kritisch gegenüber soweit die vollelektronische Variante (DE Mail) angesprochen ist. Der Verbraucher will nicht einen weiteren Briefkasten unterhalten - Einer genügt!
Susan Friedrich: Was beschäftigt Sie im Augenblick am meisten?
Dr. Axel Stirl: Spontan und impulsiv zu antworten ohne mit dem Duden in allzu viele Konflikte zu geraten. Spaß beiseite - wir etablieren gerade das nächste Service-Niveau: PIN Kunden werden ihre Post künftig "droppen" können ohne ihr Fahrzeug zu verlassen, Rechnung kommt aber weiterhin am Monatsende. Daneben wollen wir Berlin in Sachen Elektromobilität unterstützen und werden die europäische Innenstadtlogistikrikscha (in Kooperation) bauen. In acht Jahren werden unsere Sendungen mehr Volumen und ein höheres Gewicht haben. Dabei wollen wir die zweite Reihe im Verkehr schonen - kein Co2 oder Geräusche emittieren sondern die Stadt einfach grüner machen.
Susan Friedrich: Wir wünschen Ihnen, Ihren Mitarbeitern/innen viel Erfolg und danken für das Gespräch.
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