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Berlin, 06.08.2020

Medikamentenengpässe: Die stationären Apotheken agieren in der Krise mehr denn je als Lotsen und Interessenvertreter der PatientInnen


Sie galten in Zeiten des sogenannten Lockdowns als "systemrelevant", sprich unverzichtbar, um die Versorgung der Bevölkerung zu gewährleisten: Die Angehörigen medizinisch-pflegerischer Berufe in besonderem Maße, aber auch die landesweit knapp 19.000 stationären Apotheken in Deutschland. Durch die dramatischen Herausforderungen, die die Pandemie in unvorhersehbarer Weise mit sich brachte, geriet dann fast in Vergessenheit, dass die Apotheken schon seit mehreren Jahren mit dem schwerwiegenden Problem nicht verfügbarer Medikamente zu kämpfen haben.  

Große Lieferengpässe schon vor Corona

Bettina Zurek, Apothekerin der Ribbeck - sowie der Birnbaum - Apotheke in Potsdam und seit vielen Jahren engagiertes IMW-Mitglied, erinnert sich noch gut an die besorgten Gesichter einiger ihrer KundInnen, als beispielsweise Verunreinigungen in bestimmten Herzmedikamenten dazu führten, dass die Präparate nicht mehr lieferbar waren. Einmal mehr sahen sich die Globalisierungs-Kritiker in ihren Warnungen bestätigt, dass die Verlagerung der Produktion u.a. von Arzneimittelwirkstoffen in Billiglohn-Länder wie Indien und China lebensgefährliche Folgen haben könnte.  

Tatsächlich hat sich die Zahl der Meldungen von Lieferengpässen bei Arzneimitteln in den vergangenen fünf Jahren mehr als versechsfacht. Während in 2015 insgesamt 40 Meldungen vorlagen, waren es 2019 schon 271. Die Tendenz ist weiter steigend. Die konkreten Gründe dafür, warum ein Medikament nicht lieferbar ist, sind vielfältig. Eine Hauptursache für Lieferengpässe ist die Marktverengung in den vergangenen Jahren aufgrund von entstandenem Kostendruck. Das ist speziell in Deutschland unter anderem auf die sogenannten Rabattverträge zurückzuführen. Die Krankenkassen schreiben jedes Jahr Wirkstoffe aus und vergeben den Zuschlag an die günstigsten Anbieter. Hersteller von Arzneimitteln, die den Zuschlag nicht erhalten, stellen dann häufig aus wirtschaftlichen Gründen die Produktion ein. Dies führt dazu, dass viele Wirkstoffe nur noch von wenigen Unternehmen im Ausland produziert werden. Fällt dort die Produktion aus oder gibt es einen Rückruf können andere Anbieter diesen Ausfall oft nicht abfangen. Dies wirkt sich konkret auf die weltweite Verfügbarkeit von Wirkstoffen und damit auf die Lieferfähigkeit bestimmter Medikamente aus.

Generika sichern die Versorgung

"Ein Lieferengpass bei Arzneimitteln bedeutet nicht immer zwangsläufig auch einen Versorgungsengpass", erläutert Gabriele Schulz, Chefin der Sonnen-Apotheke im hessischen Taunusstein. "Oftmals stehen Alternativen zur Verfügung, denn in vielen Fällen können Apotheken zum Beispiel ein Generikum (Nachahmerpräparat), also ein Medikament mit demselben Wirkstoff, herausgeben."  Frau Schulz und Ihre Mitarbeiterinnen versuchen alles, um die Versorgung der PatientInnen mit ihren Medikamenten sicherzustellen: "Im Zweifelsfall wird nach Rücksprache mit dem Arzt eine Packungsgröße geändert oder die Therapie auf ein vergleichbares Präparat umgestellt."  Der Apothekerin ist es wichtig zu betonen, dass Engpässe in der Versorgung, ob nun aufgrund fehlender zugelassener Alternativen oder weil es keine andere Therapiemöglichkeit gibt, in Deutschland bisher kaum vorgekommen sind.

Die Pandemie offenbart negative Folgen der Globalisierung

Im Zuge der Pandemie stellten die stationären Apotheken dann endgültig ihre Systemrelevanz unter Beweis. Gerade chronisch Kranke fürchteten während des Lockdowns um ihre Versorgung und deckten sich mit Medikamenten ein, zugleich erreichte die Zahl nichtlieferbarer Arzneimittel einen neuen Höchststand. In Taunusstein bei Frau Schulz waren es zeitweise 450 Präparate. Das Bundesgesundheitsministerium reagierte darauf mit einer vorläufigen Lockerung der Rabattvereinbarungen mit den Krankenkassen. Ein Schritt, der die Lage deutlich entspannt hat. Dafür bringt die Pandemie ungeahnte neue Herausforderungen für die Apotheken mit sich. Die PatientInnen sind nach wie vor sehr zurückhaltend, was Arztbesuche anbelangt - eine Corona-Begleiterscheinung mit einschneidenden wirtschaftlichen Folgen für die Apotheken.   

Einige Randbedingungen mögen in Potsdam und Taunusstein noch so unterschiedlich sein, einig sind sich die Apothekerinnen in ihrer Forderung nach einer Rückverlagerung der Produktion wichtiger Wirkstoffe nach Europa. Die Abhängigkeit gerade vom asiatischen Markt werde im Krisenfall zum Lebensrisiko für die hiesigen Patienten.

Und sie begrüßen das vom Bundesgesundheitsminister vorgeschlagene "Vor-Ort-Apotheken-Stärkungsgesetz", das die von den Apotheken angebotenen, zum Großteils nicht abrechenbaren, aber unverzichtbaren Dienstleistungen wie Botendienst, Erstellung von Medikationsplänen oder die pharmazeutische Intensivbetreuung von Schwerkranken finanziell honoriert. Das Gesetz wäre eine dringend notwendige Stärkung der wohnortnahen Apotheken in ihrem harten Wettkampf mit den Online-Apotheken. Aus der Sicht von Frau Zurek wie auch nach Meinung von Frau Schulz offenbart die Pandemie Missstände in der Gesundheitsversorgung, die seitens der Apotheken seit langem benannt - und nun hoffentlich zum Wohle der PatientInnen beseitigt werden.  
 

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Medikamentenengpässe: Die stationären Apotheken agieren in der Krise mehr denn je als Lotsen und Interessenvertreter der PatientInnen
Bettina Zurek, Apothekerin der Ribbeck- und Birnbaum-Apotheke und langjähriges IMW-Mitglied, sieht ihre Annahmen bestätigt: die Corona-Pandemie und die Verlagerung der Produktion von Arzneimitteln ausserhalb Europas verstärken Fehlentwicklungen in der ausreichenden Bereitstellung von Medikamenten.

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