Berlin - Kempen, 02.03.2021
Nach über einem Jahr Corona-Ausnahmezustand ist den meisten UnternehmerInnen klar: Die Pandemie hat viele Gesichter, einfache Antworten gibt es nicht und Gesundheit geht vor Schnelligkeit. Geduld und Durchhaltevermögen sind gefragt. Beides fällt immer schwerer und ist bei vielen ChefInnen inzwischen aufgebraucht. Bei allem Verständnis für die Corona-Maßnahmen herrscht im UnternehmerInnen-Lager viel Unverständnis über die nicht immer nachvollziehbare Corona-Politik von Bund und Ländern. IMW-Vorstand Susan Friedrich formuliert die Kritik stellvertretend für die vielen in Not geratenen Betriebe: "Wir sind verwundert, dass erst jetzt - nach einem Jahr der Pandemie - Bund und Länder zum ersten Mal über einen Stufenplan unter Einbeziehung der 35/50 – Inzidenzregel nachdenken. Das größte Problem ist die mangelnde Planbarkeit, die fehlende Perspektive. Für Unternehmen eine Katastrophe. Marcel Fratzscher, Präsident des DIW Berlin, äußert sich in einem Gastbeitrag im TAGESSPIEGEL* zu Recht: „Viele haben die Ankündigungen als Versprechen verstanden, die dann von der Politik gebrochen wurden. Kaum jemand will die Verantwortung übernehmen.“ Die unterschiedlichen Öffnungs-Konzepte, die Unsicherheit bei den Schul- und Kita-Öffnungen, die Anforderungen in Sachen Homeoffice und nun noch die schleppend in Gang kommende Impfung - das zerrt an den Nerven. Ein wirkliches Ärgernis, weil existenzbedrohend, ist jedoch die schleppende Auszahlung der Novemberhilfen."
Jetzt gilt es, Maß und Mitte zu bewahren
Die allgemeine Ungewissheit, die schwindende Akzeptanz der Maßnahmen und die Kritik an der Corona-Politik sind eine gefährliche Mischung. Die Politikverdrossenheit nimmt zu und stärkt die radikalen Kräfte. Umso wichtiger ist es aus Sicht der IMW, bei aller berechtigten Kritik, den Blick für Maß und Mitte nicht zu verlieren. Zuversicht, Gemeinsinn und Kreativität sind in dieser schwierigen Phase der Pandemie mehr gefragt denn je. Unter den IMW-Mitgliedsunternehmen finden sich erfreulicherweise zahlreiche Beispiele, die sich genau diese Haltung schon zu Anfang der Corona-Krise zu eigen gemacht haben und übereinstimmend feststellen können: Das ist der beste Weg, um die eigene Firma und die MitarbeiterInnen durch die weltweite Ausnahmesituation zu navigieren.
Die Krise mobilisiert unternehmerische Tatkraft
Jutta Koschel ist Inhaberin von zwei traditionsreichen Bürowaren-Geschäften in Berlin-Mitte. Im Gespräch erzählt sie anschaulich, wie schwer sie im ersten Lockdown zu kämpfen hatte: "Stellenweise dachte ich, die Pandemie zerstört mein Lebenswerk, es war sehr schlimm. Die Sorge um meine MitarbeiterInnen raubte mir den Schlaf."
Nicht zuletzt durch die Beratung der IMW und viele Gespräche gelang der Umschwung. Gemeinsam mit 4 anderen GeschäftsinhaberInnen ihrer Branche schloss sich Frau Koschel zu einer Einkaufsgemeinschaft zusammen. Der Einkauf großer Mengen rechnete sich nun besser und untereinander wurde sich bei Produktengpässen ausgeholfen. Hilfreich war zudem der Austausch über die aktuellen Probleme. Ob Lieferschwierigkeiten der Großhändler, brüchige Lieferketten oder längere Lieferzeiten, alles ließ und lässt sich durch den Schulterschluss in der „Schicksalsgemeinschaft“ besser stemmen. Frau Koschel schwärmt denn auch erleichtert von dieser Erfahrung. Sie ist sich sicher: "Das Menschliche wird überleben. Zusammenhalt nicht nur aus Profitdenken, das war eine ganz besondere Erfahrung." Hinzu kam das nötige Glück. Der bereits vor Jahren eingerichtete Online-Shop von Frau Koschel bewährte sich und vor allem durften die Läden für Bürobedarf im 2. Lockdown geöffnet bleiben. Aus Solidarität mit den vielen Unternehmen und Läden, die schließen mussten, verzichtete Jutta Koschel auf weitere staatliche Finanzhilfen. "Zu Beginn der Pandemie war die Soforthilfe eine große Stütze, für die ich sehr dankbar war. Im 2. Lockdown ist der Umsatz zwar auch weit geringer als vor Corona, aber gemeinsan mit meinen engagierten MitarbeiterInnen werden wir die Krise schon irgendwie meistern."
Digitalisierung und Marketing - jede Investition lohnt
Im Falle des ebenfalls seit vielen Jahren in der IMW engagierten Dienstleistungsunternehmens P3 Creation Group im niederheinischen Kempen sind es Kreativität und das gute Gespür für die Bedürfnisse ihrer KundInnen, die den Geschäftsführern Stephan Sachse und Holger Aretz das Krisenmanagement erleichtert haben. Der Firma ist es gelungen, ihr Portfolio zu erweitern und vorhandene Geschäftsfelder auszubauen. Hinter dem Namen P3 Creation Group verbirgt sich ein inzwischen auch über Deutschland hinaus gefragter Anbieter für Web-Entwicklung, Videoproduktion und digitale Recruiting-Lösungen. Die Agentur für digitale Medien musste sich in der Krise nicht neu erfinden. Das Knowhow ist vorhanden und wurde für die von der Pandemie betroffenen KundInnen ausgebaut, um noch passgenauer auf die Anforderungen reagieren zu können. Es sind insbesondere KMU, die den digitalen Sachverstand der Firma in Anspruch nehmen. Dem innovationsfreudigen P3-Team liegt daran, seine Kunden bestmöglich ins Bild zu setzen und, wie Geschäftsführer Stephan Sachse hervorhebt, "die Sichtbarkeit der UnternehmerInnen" herzustellen. "Gute Image-Videos", so Stephan Sachse, "tragen über die Krise hinaus zur Attraktivität eines Unternehmens bei. Kunden wie auch potenzielle neue MitarbeiterInnen schätzen diese Porträts." Dem P3-Geschäftsführer liegt sehr daran, den Unternehmen Mut zu machen. "Die Krise wird zur Chance, wenn alle Möglichkeiten genutzt werden, um sich bestmöglich für die Zeit danach zu rüsten. KMU sind oft flexibler als große Firmen, das ist ein großer Vorteil. Jede Investition in Marketing und Digitalisierung lohnt jetzt."
Schulterschluss und Austausch sind unverzichtbare Stützen
Auch Dirk Hellmeier, Geschäftsführer der Hellmeier Die Tischlerei GmbH, betont, wie sehr es in dieser Phase der Pandemie auf den Schulterschluss ankommt. Die Neuköllner Firma profitiert in dieser schweren Zeit mehr denn je von der schon seit über 20 Jahren existierenden Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Gewerken in einem Handwerkernetzwerk. Die dort zusammengeschlossenen Dachdecker, Maler, Elektriker, Tiefbau-Firmen, Tischler, Glaser und Gärtner tauschen sich seit Beginn der Corona-Krise noch enger aus als früher. Dieser Gemeinschaftsgeist gibt Kraft und Hoffnung. Schließlich ist auch das Handwerk unterschiedlich stark betroffen von dem Einbruch der Konjunktur. Die Unsicherheit ist groß, Investitionen werden verschoben, Gesellen dürfen wegen Corona oft keine Kunden-Besuche machen und auch viele Lieferketten sind inzwischen unterbrochen. Eine Situation, in der nur Zuversicht und unternehmerische Tatkraft hilft.
Herr Hellmeier ist zudem fest überzeugt, dass "UnternehmerInnen gerade jetzt Vorbild sein müssen für ihre Belegschaft, die ja mindestens genauso unter den Folgen der Pandemie zu leiden hat wie die Chefs und Chefinnen." In den Firmen komme es darauf an, dass alle an einem Strang ziehen, die Inhaber mehr als sonst mit anpacken und gemeinsam im Team alles dafür tun, die Liquidität der Firma zu wahren.
Der Tischlermeister und Betriebswirt bewahrt seinen Optimismus, übt aber zugleich deutliche Kritik an den schweren Pannen bei der Auszahlung der staatlichen Hilfeleistungen sowie der miserablen Umsetzung der Impfstrategie: "Das ist kein KMU-freundliches Krisenmanagement, sondern eine Katastrophe. Die schleppende Bearbeitung der Anträge und die teilweise komplizierten, undurchdacht scheinenden Antragsvoraussetzungen - für viele Unternehmen wird das den sicheren Ruin bedeuten."
Der Durchhaltewillen überlebt nur mit einer Öffnungsperspektive
Die drei Mitglieds-Unternehmen mögen die Krise noch so unterschiedlich gemeistert haben, in einem Punkt herrscht Einigkeit: Alle hoffen, dass kein 3. Lockdown nötig sein wird, um den Übergang in eine durch die Impfung mögliche Normalität zu schaffen. IMW-Vorstand Susan Friedrich unterstreicht: "Ein 3. Lockdown muss mit allen Mitteln verhindert werden. Die Perspektive muss Öffnung sein. Es gilt alle Möglichkeiten für Lockerungen auszuschöpfen: Die starren Impfpläne müssen überdacht, die Impfquote muß erhöht werden, Luftfilter müssen wo immer möglich eingesetzt und Ansammlungen von Menschen weitaus stärker unterbunden werden. Es gibt Maßnahmen, man muss sie nur endlich konsequent anwenden. Weitere zügig umzusetzende Regelungen wären steuerliche Anreize: Luftfilter sind auf Grund ihres Einkaufspreises keine Geringwertigen Wirtschaftsgüter. Wir schlagen daher vor, eine 100%ige steuerliche Sonderabschreibung für Luftfilter im Jahr der Anschaffung als unterstützende Maßnahme der Politik umzusetzen.“ Die spürbare Entschlossenheit der IMW-Mitgliedsunternehmen, der Krise trotzen zu wollen, und der in der Corona-Zeit so oft anzutreffende Teamgeist machen Mut!
Bitte zögern Sie nicht, sich mit weitergehenden Fragen an unsere Geschäftsstelle zu wenden: 030-240 47 87 10. Wir sind für Sie da!
*DIW-Präsident Marcel Fratzscher, "Politik setzt ihre Corona-Strategie zu zögerlich und zu zaghaft um" erschienen am 09.02.2021 im TAGESSPIEGEL
Diesen Beitrag teilen über:

Jutta Koschel und Tochter Monique-Kathleen Koschel-Winkler bauten schon vor Jahren Claireshop als Onlineshop für hochwertige Papierwaren auf. Diese Weitsicht und Investition hat sich gelohnt. Der "analoge" Citybüroshop liegt in der normalerweise pulsierenden Mitte Berlins, in der Friedrichstraße. (Foto: Tanja Schnitzler)

Stephan Sachse und Holger Aretz, Gründer und Inhaber der Agentur P3 Creation Group, sind innovationsfreudig und unterstützen in Zeiten der Krise digital „filmreif“. (Foto: P3)